Kampffeld Bildung und Schule: Für eine demokratische und vielfältige Gesellschaft streiten

Mittwoch, 23. September 2020, 9.30 bis 16 Uhr

Fachtagung | Frankfurt und online

Entgelt: 5€ | GEW- Mitglieder: entgeltfrei

In Bildungseinrichtungen, Kitas und Schulen werden die subjektiven Voraussetzungen gesellschaftlicher Teilhabe auf Grundlage von Demokratie, Autonomie und Menschenrechten geschaffen. Sie geraten jedoch, genauso wie die Beschäftigten, immer stärker unter Druck von rechten Ideologien und Akteuren, die die Demokratie in Frage stellen. Damit werden Bildungseinrichtungen zunehmend zu Austragungsorten gesellschaftlicher Konflikte. Dabei geht es nicht nur um Konflikte im Kontext von Flucht und Migration, die von Rechten genutzt werden, um Rassismus und Nationalismus zu schüren, sondern auch um sexuelle und geschlechtliche Vielfalt, gegen die von rechts massiv gehetzt wird. Die Tagung beschäftigt sich mit aktuellen Entwicklungen und praktischen Handlungsoptionen für eine emanzipatorische Bildung in einer vielfältigen Gesellschaft, die Diskriminierung und Ungleichheit aktiv entgegentritt sowie dabei hilft, die Demokratie gegen rechte Angriffe zu verteidigen.

Zum Auftakt werden Impulsvorträge unterschiedliche Einblicke in die Auseinandersetzungen um Bildung und die Bedrohungen von emanzipatorischen Ansätzen durch rechte Akteure und Ideologien geben. Hierbei wird es sowohl einen internationalen als auch bundesweiten Blick auf die unterschiedlichen Angriffe auf Bildungseinrichtungen geben. Anschließend soll den Teilnehmer*innen ermöglicht werden, sich mit bestehenden Ausgrenzungen und Diskriminierungen auseinanderzusetzen.  Tagungsbegleitend soll die Ausstellung „Schule zieht Grenzen – wir ziehen nicht mit!“ mit Führung gezeigt werden. Diese stellt  am Beispiel Berlins dar, wie aufgrund rassistischer Ordnungen viele Kinder, Jugendliche und so manche Lehrkraft an gleichberechtigter schulischer Teilhabe gehindert werden.

Nachdem am Vormittag die Tragweite und Dimensionen von rechten Ideologien und Akteuren im Bildungskontext skizziert wurden, soll es am Nachmittag in Workshops um mögliche Handlungsoptionen für eine demokratische und vielfältige Gesellschaft gehen. In den thematischen Schwerpunkten werden Strategien gegen rechte Akteure und Organisationen im jeweils eigenen Bildungskontext entwickelt und es gibt die Möglichkeit, in einen Austausch mit Kolleg*innen zu kommen. In einer Abschlussrunde werden die Ergebnisse der Workshops zusammen getragen und Schussfolgerungen für die alltägliche Praxis gezogen.

Die Planung der Fachtagung steht aufgrund der aktuellen Situation unter einem gewissen Corona-Vorbehalt. Wir bemühen uns, möglichst vielen Kolleg*innen die Teilnahme vor Ort unter Einhaltung der vermutlich auch im September noch gültigen Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen zu ermöglichen. Wir wollen aber auch denjenigen die Teilnahme ermöglichen, die den persönlichen Kontakt vermeiden und lieber nicht anreisen möchten. Dazu werden wir ein hybrides Format erproben, das die klassische Tagung in Präsenz mit der Möglichkeit verbindet, digital über eine datenschutzsichere und interaktive Online-Plattform zu partizipieren.

Flyer

Anmeldung

online

oder

069–971293 -27

anmeldung@lea-bildung.de

 

 

Programm:

9:30 bis 10 Uhr Anmeldung und Begrüßung

10 bis 11.30 Uhr Impulsvorträge

Bildungschancen und Diversität in Gefahr durch wiederkehrende kolonialistische Mentalität.
Brasilien galt lange als Beispiel für Vielfalt der Kulturen, weil es schon immer ein Einwanderungsland gewesen ist. Es ist aber auch das Land, das als letztes die Sklaverei offiziell abgeschafft hat. Und obwohl Gleichberechtigung der „Rasse“ in die Verfassung steht, ist Diskriminierung auch noch heute alle gegenwärtig. Indigenen Bevölkerung werden als Menschen zweiter Klasse behandelt durch Politikern und müssen immer noch für ein Stück Land kämpfen.
Erleben wir in Brasilien eine kolonialistische Haltung so wie im 19. Jahrhundert? Und welche Rolle hat die EU dabei? Welcher Gemeinsamkeit hat die Rechtsruck in Deutschland mit der Rechtsruck in Brasilien?

Ana Graça Correia Wittkowski ist Brasilianisch/Deutsch Pädagogin. Sie studierte in den 80 Jahre Portugiesisch Sprache und Literatur an der Bundesuniversität UFBa- Brasilien. Später machte sie ein Post-Graduate Kurs in Moderne Brasilianische Literatur in der UEFS-Bahia. In Jahr 1993 kam sie nach Deutschland als Mutter ohne Deutsch Kenntnisse. In Mainz studierte sier Ethnologie und Lusitanistik an der Johannes-Gutenberg-Universität-Mainz. Während des Studium im Jahr 2007 machte Ana Graça Correia Wittkowski  eine Weiterbildung an der ZWW- mit der Abschluss-Zertifikat EUROMIR (Europäische Migration). Später arbeitete sie 4 Jahren in einer Grundschule in Mainz als Familienklasse-Leiterin. Seit 2015 arbeitet sie als Interkulturelle pädagogische Fachkraft in Mainz und seit 2018 als Elternbegleiterin/Beraterin.

Viele Kinder und Jugendliche empfinden heteronormative Geschlechts-, Sexualitäts- und Begehrensregime als gewaltsam. Diejenigen, die sich abseits des heteronormativen Rasters positionieren sind oft schmerzhaften Übergriffen ausgesetzt. Dem versucht etwa der hessische Lehrplan zur Sexualerziehung entgegenzuwirken. Seit seiner Einführung im Jahr 2016 wird er jedoch von rechten Akteur*innen heftig attackiert. So warnen etwa das Netzwerk „Demo für alle“ oder die AfD vor einer „Frühsexualisierung“ und einem „Genderwahn“, welche das traditionelle Familienbild zerstörten. Die völkische, verschwörungstheoretische Argumentation verschiedener rechter Akteur*innen verbindet unterschiedliche Diskurse der Neuen Rechten. Diese sollen im Vortrag herausgearbeitet und mit möglichen Gegenstrategien konfrontiert werden.

Clara Kretzschmar hat Soziologie, Philosophie und Erziehungswissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt am Main studiert und arbeitet als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Gender Studies und qualitative Methoden an der Goethe-Universität. Sie ist seit vielen Jahren in der politischen Bildungsarbeit tätig. Ihre Schwerpunkte in der wissenschaftlichen und praktischen Arbeit liegen in den Bereichen antirassistische und queere Pädagogik.

Politische Bildung ist in diesen Zeiten wichtiger denn je. Wie unter einem Brennglas reartikuliert und verschärft die Coronakrise gesellschaftliche Krisenerscheinungen (Arbeits- und Sorgeverhältnisse/Care, öffentliche Daseinsvorsorge, Klimafrage, Bildungsungleichheiten etc.). Gerade jetzt sind Wissen und Orientierung gefragt. Gleichzeitig sind weiterhin autoritäre Krisendeutungen auf dem Vormarsch. Zwar bringt die „Coronakrise“ neue Verschwörungstheorien zum Vorschein, die dahinter stehenden Narrative, Ungleichheitsideologien und Akteure sind aber häufig dieselben.

Die akute Krisenbewältigung hat die rechte Gefahr, die in Deutschland mit den rassistischen Morden in Hanau – nur etwa einen Monat vor dem „Lockdown“ – ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hat, in den Hintergrund des öffentlichen Interesses rücken lassen. Verdeckt sind auch die zuvor zu konstatierende Auseinandersetzung um Deutungshoheit über Aufgaben, Ziele und Inhalte der Politischen Bildung als Profession: Neben Tendenzen zu ihrer Reduktion auf Prävention und Gefahrenabwehr und der Ökonomisierungstendenzen sind es insbesondere Forderungen nach Neutralität, welche das professionelle Selbstverständnis tangieren. Dies erfordert deutliche Positionierungen und Gegenentwürfe.

Prof. Dr. Sophie Schmitt ist Politikwissenschaftlerin (Mag.A.) und Erziehungswissenschaftlerin (Dipl. Päd.) und arbeitet als Qualifikationsprofessorin für Didaktik der Sozialwissenschaften an der Justus- Liebig-Universität in Gießen. Sie forscht und lehrt zur politischen Bildung in schulischen wie außerschulischen Zusammenhängen und widmet sich insbesondere der Erarbeitung fachdidaktischer Leitlinien vor dem Hintergrund sozioökonomischer Transformationen und autoritärer gesellschaftlicher Tendenzen.

11:30 bis 13 Uhr tagungsbegleitende Ausstellung „Schule zieht Grenzen wir ziehen nicht mit“ (angefragt)

13 bis 14 Uhr Mittagspause

14.00 bis 16.30 Uhr Arbeitsgruppen

Die so genannte „Hufeisentheorie“ geht davon aus, dass es sich beim linken wie beim rechten Extremismus um zwei wesensverwandte Ausprägungen des politischen Extremismus handelt. In Abweichung von der als demokratisch definierten Mitte berührten sich diese Extreme, da die demokratischen Prinzipien wie Parlamentarismus, Gewaltenteilung und Rechtsstaatlichkeit gleichermaßen abgelehnt würden.

Diese Denkfigur ist nach wie vor für die Sicherheitsbehörden – in denen sie maßgeblich entwickelt wurde – prägend, aber auch für das Präventionsprogramm „Hessen gegen Extremismus“. Dies zeigte sich zuletzt mit der allen weiterführenden Schulen zugesendeten Ausstellung „Aufgeklärt statt autonom“. Anhand deren Plakate sowie des Begleitmaterials soll im Rahmen des Workshops exemplarisch die Problematik dieses Ansatzes herausgearbeitet werden. Dazu kann auch auf eine kritisches Gutachten zurückgegriffen werden, das die GEW Hessen in Auftrag gegeben hat.

Roman George, Referent für Bildungspolitik der GEW Hessen

Im Workshop geht es um die Auseinandersetzung Rechten und inwiefern diese im Sinne demokratischer Auseinandersetzung zu suchen oder auch zu vermeiden ist. Mit wem sollten wir (nicht) reden? Wo ziehen wir die Grenze des demokratischen Diskurses? Wie gehen wir mit der Strategie der Rechten um, sich zum Opfer einer linken Diskurshoheit zu stilisieren?

Warum sollte man mit Rechten nicht reden?

Katharina Rhein hat zum Thema Erziehung nach Auschwitz in der Migrationsgesellschaft promoviert und arbeitet aktuell an der Forschungsstelle NS-Pädagogik an der Goethe-Universität, war aber auch schon in der politischen Bildungsarbeit tätig.

Maximilian Pichl hat Rechts- und Politikwissenschaft studiert. Er forscht aktuell an den Universitäten Kassel und Frankfurt am Main. Er ist Mitglied im Netzwerk Migrationsrecht und in der Assoziation für kritische Gesellschaftsforschung.

Text folgt noch

 

Sinah Klockemann

Text folgt

Paul Harder, Landesschulssprecher

Diskriminierendes Verhalten und rechtsextreme Positionen sind in der Gesellschaft verbreitet und werden daher auch durch Eltern an Schulen geäußert und gezeigt: Lehrkräften wird vorgeworfen, sich nicht an das Neutralitätsgebot zu halten und in einem Onlineportal „angeprangert“. Eltern ist bekannt, dass sich eine Mutter  politisch bei der NPD engagiert, Schüler*innen weisen darauf hin, dass in der Klassen WhatsApp-Gruppe eine Schülerin durch einen Vater rassistisch beleidigt wurde. Angehörige kommen in rechter Szenekleidung zum Elterngespräch oder drücken ihre Gesinnung über aggressive Sprüche aus. Lehrkräften wird im Konflikt gedroht, „mit 100 Nazis vorbeizukommen“. Eine Schulsozialarbeiterin hat den Eindruck, dass eine Schülerin von ihren Eltern aufgrund einer rechtsextremen Haltung in ihrer Entwicklung und Entfaltung eingeschränkt wird.

Was kann man – in Bezug auf Eltern – in solchen Situationen tun? Welche Intervention macht wann Sinn? Gemeinsam wollen wir konkrete Fallbeispiele sammeln,  Herausforderungen kennenlernen und Impulse und Anregungen für Fragen der eigenen Haltung und Handlungsmöglichkeiten entwickeln und diskutieren. Wie kann ein Gespräch mit den Eltern geführt werden und wie kann ein Rahmen hierfür gestaltet werden? Zudem soll auch auf die Frage eingegangen werden, wie Schulen und Lehrkräfte eine emanzipatorische, diskriminierungssensible Schulkultur fördern und gestalten.

Torsten Niebling, Fachstelle rote Linie

Lehrkräfte sind zunehmend mit verschiedenen Formen von Diskriminierung konfrontiert – seien es rassistische Beschimpfungen, rechtspopulistische Äußerungen oder antisemitische Einstellungen.

Der Workshop versucht einen ersten Einblick in den qualifizierten Umgang mit Fällen von Rassismus  an Schule zu bieten. Neben der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Formen und Ebenen von Diskriminierung/ Rassismus wird insbesondere die  Sensibilisierung für die Perspektive von Betroffenen im Fokus stehen.

Bildungsstädte Anne Frank

Der Rechtsruck in der Gesellschaft macht auch vor den Schulen und Kollegien nicht halt. Wie verhalte ich mich, wenn z.B. ein Schulleitungsmitglied Funktionär*in der AFD ist und z.B. auf Facebook sich fremdenfeindlich, rassistisch oder antisemitisch äußert? Was soll ich tun, wenn ich davon erfahre, dass ein/e Kolleg*in  z.B. einen „Bombenholocaust von Dresden“ im Geschichtsunterricht thematisiert? Wie ist damit umzugehen, wenn sich Kolleg*innen im Lehrer*innenzimmer immer wieder chauvinistisch oder sexistisch zu Wort melden? Wie ist die Rechtslage, wann endet die pädagogische oder auch Meinungsfreiheit des/r Einzelnen, welche Möglichkeiten habe ich, im kollegialen Miteinander hiermit umzugehen? Der Workshop soll in erster Linie dazu dienen, in Austausch miteinander zu kommen, eigene Erfahrungen zu berichten,  Fragen zu stellen und gemeinsam mögliche Lösungsansätze zu entwickeln.“

Tony C. Schwarz ist Vorsitzender des Gesamtpersonalrats der Lehrerinnen und Lehrer im Bereich Bergstraße-Odenwald sowie stellv. Vorsitzender der GEW Hessen. Es engagiert sich seit vielen Jahren in diversen Zusammenhängen für Friedenspolitik und gegen Rechtsextremismus.

 

 

15.30 bis 16.00 Uhr Abschlussrunde